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Hebt sich vor einem ein Rabenschwarm in den Himmel, vernimmt man ein heiseres kraah kraah. Es mag auf den ersten Blick erstaunen, dass die Rabenvögel zu den Singvögeln gezählt und von den Ornithologen gar als Krönung der Singvogelevolution bezeichnet werden. Sie beherrschen einen leisen Plauder-Gesang und haben ein ausserordentlich grosses Stimmenspektrum, auch wenn es nur selten und kaum hörbar genutzt wird. Daraus ergibt sich eine Analogie zur menschlichen Stimme, die das Potenzial des Kehlkopforgans und die damit verbundenen Resonanzräume kaum ausschöpft und so ein grossartiges Register unbespielt lässt. Diese Lautsphäre der Raben und ihre ganze mythologische Bedeutung inspirierten mich zu meinem Album. Wie macht man von sich Reden, wenn der Vogel aus einem pfeift, krächzt?
Wenn das Sprachzentrum und das Erinnerungsvermögen beeinträchtigt sind, wird man auf ganz neue Weise mit der Kommunikation konfrontiert. Ich musste mich eine Zeit lang damit auseinandersetzen und begann, den nonverbalen Ausdruck der menschlichen Stimme in meine Arbeit zu integrieren und damit zu experimentieren. Damals entwickelte ich auch eine grosse Empathie zum Jodeln, weil sich darin untemperierte, alpine Naturtönigkeit und vorsprachliche Lautverbindungen unvergleichlich entfalten. Auf den Musikhochschulen der Schweiz war dieser lebensfrohe, brachiale Ausdruck des juchzen mittels Glottisschlag aber noch verschrien. Für mich hingegen wurde er zu einer Entdeckung, die mein Musikschaffen entscheidend geprägt hat. Es war schliesslich auch das Jodeln, das mir das Verständnis der Naturstimmen verschiedenster Kulturen unserer Welt näher brachte.
Viele denken, mein Obertongesang sei asiatischer, bzw. mongolischer Herkunft. Das ist nicht ganz richtig. Meine Obertontechnik basiert auf westlichen Ideen und sie unterscheidet sich von den asiatischen Singweisen. Erst in den letzten Jahren, als ich die Technik wirklich zu beherrschen begann, besuchte ich diese Länder, arbeitete mit Musikern aus anderen Kulturen zusammen und erlebte meinen Ausdruck als überraschend eigenständig. Man hat mir in Asien erzählt, dass die Pfeiftöne beim Obertongesang nicht aus der eigenen Kehle stammen; es sei der geistige Vogel, der da aus einem pfeife und diejenigen die ihn besässen, hätten auch einen treuen Boten in die andere Welt, die Welt dort oben: Steige ich zu Fuss auf einen Gipfel des Alpenkamms, rückt der Himmel näher. Manchmal juchze und jodle ich dann; auch um den Talschaften wieder etwas näher zu sein.
kraah das sind Rabenlieder. Aber der Rabe singt nicht vom Tod, er singt von der Liebe; ganz im Gegensatz zu seinem Ruf, gegen den er sich zu unrecht immer wieder zwischen Ehrfurcht und Verteufelung behaupten muss. Erzählt wird aber auch von der Begegnung mit wunderbaren Musikern, allen voran Georg Breinschmid und Thomas Weiss, die einen ganz neuen Sound in meine Musik zaubern und meiner Stimme eine neue Heimat geben. Das Trio steht im Studio wie auch auf der Bühne im Mittelpunkt. Die instrumentalen Kontrapunkte und Kommentare schaffen meine Gastmusiker und bringen sich mit persönlichen und helvetischen Querbezügen vielseitig ein. So beginnt kraah beinahe poppig und endet mit zeitgenössischer Orchestermusik: Aber überall wartet der Rabe auf einen...
Ich singe Lieder zwischen Wort und Laut, versuche mich im Unberührten. Das Klare der Gedanken scheint dort manchmal verschluckt, entrückt. Das Wort, die Sprache kippt, steht Kopf, oder wie Paul Celan einmal gesagt hat: "Wer auf dem Kopf steht, der hat den Himmel als Abgrund unter sich". Christian Zehnder
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